AKTUELL
 
 
23.05.2011 | Angst und Veränderung
Angst essen Seele auf - Wer ist dein Tiger?


Wer mit Veränderungen zu tun hat, wird auch mit Ängsten konfrontiert. Mit Ängsten in verschiedenen Formen: diffus und unfassbar oder konkret und unmittelbar.
Angst kann uns erstarren lassen, uns paralysieren.
Angst kann einem Schritt in eine vielleicht bessere Zukunft im Wege stehen.
Und sie kann uns davor bewahren einen groben Fehler zu machen.

Kürzlich las ich – zum zweiten Mal – das faszinierende Buch „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel. Es ist die Geschichte des 16-jährigen indischen Jungen Piscine Pi Patel, dessen Familie nach Kanada auswandern will. Pis Vater ist Besitzer eines Zoos. Bei der Fahrt über den Pazifik kommt es zu einem folgenschweren Schiffsunglück. Der Frachtdampfer sinkt, und Pi Patel findet sich als einziger menschlicher Überlebender auf einem Rettungsboot wieder. Mit an Bord einige furchteinflößende Tiere, die ebenfalls nach Amerika überstellt werden hätten sollen, unter anderem ein ausgewachsener bengalischer Tiger.
In einem Kapitel in der Mitte des Buchs – am Höhepunkt der Spannung zwischen Mensch und Tiger – finden sich folgende Zeilen zum Thema „Angst“:

„Angst ist der einzige echte Feind des Lebens. Nur Angst kann das Leben bezwingen. Angst ist ein kluger, raffinierter Gegner, das weiß ich aus Erfahrung. Sie kennt keine Moral, akzeptiert kein Gesetz und keine Konvention, sie ist unerbittlich. Sie sucht sich bei jedem den schwächsten Punkt und findet ihn ohne Mühe. Sie beginnt ihren Angriff im Kopf, immer. Im einen Moment fühlt man sich noch ruhig, selbstsicher, glücklich. Dann schleicht die Angst sich in den Verstand wie ein Spion (...) Man spürt eine Beklommenheit (...)
Jetzt nimmt die Angst sich den Körper vor, der längst weiß, dass da etwas nicht stimmt. Längst schon sind die Lungen fortgeflogen wie ein Vogel, die Eingeweide winden sich wie eine Schlange davon. Jetzt lässt sich die Zunge fallen wie ein Opossum, und das Kinn galoppiert dazu auf der Stelle. Die Ohren werden taub. Die Muskeln zittern, als hätte man Malaria, und die Knie schlackern, als wären sie auf dem Tanz. Das Herz zieht sich zusammen, dafür weitet der Schließmuskel sich. Und immer so weiter, der ganze Körper. Jeder einzelne Teil versagt, jeder auf die Weise, auf die er es am besten kann. Nur die Augen bleiben aufmerksam. Sie registrieren jeden Schachzug der Angst genau.
Nicht lange, und man macht Fehler. Man lässt seine letzten Verbündeten ziehen: Hoffnung und Vertrauen. Und schon hat man sich selbst besiegt: Die Angst, die doch nichts war als ein Hirngespinst, triumphiert.“


Dazu fällt mir eine Textstelle aus dem Lied „Der Buba“ von Arik Brauer ein: „Der Mensch stirbt nicht vom Gift, der Mensch stirbt nicht vom Tod. Er stirbt vor lauter Todesangst, er stirbt, wenn man ihm droht.“

Kräftige Worte. Nicht wirklich aufbauend, ich weiß.

So viel zur dunklen Seite der Angst.

Wer seine Ängste genauer unter die Lupe nimmt, wird erkennen, dass jede Angst ihren Nutzen hat, einen wertvollen, konstruktiven Kern.
Unsere Ängste können hilfreiche Einflüsterer sein. Sie schützen uns. Sie schützen uns davor, uns in zu große Gefahr zu begeben. Sie halten uns davon ab, nicht wieder gut zu machende Fehlschritte zu tun. Sie repräsentieren den wichtigen Gegenpol zu Mut und Übermut.

Manche Menschen wollen ihre Ängste loswerden. Im Coaching begegnet mir dieses Anliegen immer wieder mal. Der Wunsch, eine bestimmte Angst weg zu machen, sie ein für alle Male aufzulösen.
Wer das will, verdrängt die Angst bloß, drängt sie zurück in dunklere Gefilde. Von wo sie dann umso heftiger und gespenstischer wieder hervorkommen und das Leben sabotieren wird. Nur eine äußerst kurzfristige und letzten Endes unbefriedigende Lösung.

Optimalerweise – und das ist die hohe Kunst der persönlichen Weiterentwicklung – gelingt es, mit der eigenen Angst Freundschaft zu schließen. Sie als integralen Bestandteil zu akzeptieren und zu respektieren. Ihre nützlichen Beiträge zu schätzen und ihr den Platz im eigenen Leben zuzuweisen, der ihr gebührt. Die dunkle Seite zu integrieren, sozusagen.


Veränderung und Ängste

Äußerst selten werden in Begleitprozessen Ängste offen ausgesprochen. Befürchtungen, Sorgen – ja. Aber die wirklich existenziellen Ängste kommen kaum zum Vorschein. „Das hast du mit dir selbst auszutragen“, lautet die weit verbreitete Überzeugung. Die fundamentalen Ängste zu benennen wäre ein deutliches Zeichen von persönlicher Schwäche. Und wer will das schon?

Wir externe BeraterInnen tragen in der Begleitung von Veränderungen diesbezüglich eine hohe Prozessverantwortung. Zumindest zwei Wege sehe ich dieser Verantwortung gerecht zu werden:
  • Den Ängsten Raum geben: Möglichkeiten schaffen, wo Menschen in irgendeiner Weise ihre Ängste zum Ausdruck bringen können, meist über analoge Kanäle.
  • Sicherheit einfordern: Den von der Veränderung Betroffenen ein Mindestmaß an Sicherheit verschaffen. Oft weiß man nicht (und kann es auch nicht beeinflussen), welche Entscheidung getroffen wird. Dann sollte zumindest Klarheit darüber bestehen, zu welchem Zeitpunkt die nächste Information erfolgen wird (Prozess-Sicherheit geben).


    « Zurück

   
   
   
 
A-4020 LINZ · Museumstraße 20 · Tel.: +43 699 127 22 527 · e-mail: info@theuretzbacher.at | Datenschutzerklärung