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13.12.2010 | Einer für alles?
Einer für alles?
Weshalb Geschäftsführer von KMU in die Wunderwuzzi-Falle tappen


Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) werden erheblich durch die Person des Geschäftsführers und dessen Wirken geprägt. Insofern hängt der Unternehmenserfolg äußerst stark davon ab, wie Geschäftsführer ihre Funktion verstehen, was sie sich aufbürden und wofür sie sich verantwortlich fühlen.

Zwei Anmerkungen vorab:
Viele der hier dargestellten Phänomene können natürlich auch auf Manager in größeren Unternehmen zutreffen. Zur Definition von KMU: Kleinstunternehmen: bis 10 MA, Umsatz bis 2 Mio. EUR – Kleine Unternehmen: bis 50 MA, Umsatz bis 10 Mio. EUR – Mittlere Unternehmen: bis 250 MA, Umsatz bis 50 Mio. EUR (Quelle: Europ. Kommission).
In diesem Artikel werden ganz bewusst männliche Formulierungen verwendet. Die Frage, inwieweit diese Gedanken auch auf Geschäftsführerinnen zutreffen, bleibt offen.

Die Bedeutung von KMU für den Wirtschaftsstandort Österreich im Allgemeinen und Oberösterreich im Besonderen wird oft hervorgehoben. Gerne werden sie als die Aushängeschilder der (ober)österreichischen Wirtschaft bezeichnet. Einen ganz wesentlichen Erfolgsfaktor für KMU stellt die Person des Geschäftsführers dar. Viel hängt davon ab, wie er seine Funktion interpretiert, wie er agiert und seine Verantwortung für das Prosperieren des Unternehmens wahrnimmt. Der Blick hinter die Kulissen fördert einige interessante Aspekte zutage.


Flaschenhals Geschäftsführer – Herausforderung Aufgabenvielfalt

Je kleiner das Unternehmen, umso vielfältigere Aufgaben hat der Geschäftsführer zu erfüllen. Im Extremfall trägt er als geschäftsführender Eigentümer die gesamte unternehmerische Verantwortung, ist gleichzeitig der Top-Fachexperte des Unternehmens, nimmt alle Management-Funktionen wahr und kümmert sich um die wesentlichen Kundenbeziehungen. Dass dies zu einer dramatischen Überforderungssituation führen kann, liegt auf der Hand.


Kritische Begleiterscheinungen

Viele KMU wollen bzw. können es sich nicht leisten, eigene SpezialistInnen oder gar Fachabteilungen für Produktentwicklung, Einkauf, Controlling, Personal, Marketing und andere Funktionen aufzubauen. Manche Geschäftsführer berichten daher von einer 7-Tage-Arbeitswoche mit bis zu 16 Stunden pro Tag. Dazu einige Aussagen verschiedener Geschäftsführer: „Ich bin verheiratet mit dem Business.“ „Am Sonntag kümmere ich mich um die Rechnungen und die ganze Buchhaltung.“ „Es fehlt einfach an Zeit für alles. Man glaubt, man muss alles selbst machen.“
Frei nach Ödön von Horvath könnte man konstatieren: „Eigentlich sollte ich überall sein, nur komme ich so selten dazu.“
Der Geschäftsführer sieht sich genötigt, zum „Wunderwuzzi“ zu mutieren – Generalist, Experte und verantwortlich für praktisch alles. Ein Phänomen, das vor allem in kleineren sowie in Familienunternehmen häufig anzutreffen ist. Besonders kritisch kann dies bei einer Unternehmensgröße von 10 bis 50 MitarbeiterInnen sein: Klein genug, dass man noch versucht, alles selbst zu erledigen und groß genug, dass dies schon einen bedenklichen Aufwand verursacht. Wozu das führen kann, schildert ein Unternehmer, der aus früheren Fehlern gelernt hat: „Ich war selbst so ein Wunderwuzzi. Erst als ich bemerkt habe, dass dabei die Familie draufgeht, habe ich begonnen meinen Betrieb und damit auch mein Leben anders zu organisieren.“


Was hat das Wunderwuzzi-Phänomen mit Persönlichkeit zu tun?

Offensichtlich haben persönliche Erfahrungen, Neigungen und Eigenschaften des Geschäftsführers einen ganz wesentlichen Einfluss. Je nachdem, welchen Typus der Geschäftsführer verkörpert – wobei naturgemäß Mischtypen die Regel sind – gibt es ganz spezifische Gefahrenpotenziale und Fallen in Richtung Überforderung:

Der Pionier ist Unternehmer aus der Freude, etwas Neues zu schaffen. Man hört ihn in seinem Gründergeist oft Dinge sagen wie: „Packen wir es an!“ „Auf zu neuen Ufern!“
Heikel wird es, wenn er auf Grund der Begeisterung für die Sache seine eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Wenn das Unternehmen zu rasch über eine kritische Größe hinaus wächst und dabei die Struktur die gleiche bleibt. Wenn er stets Neues schafft und dabei vergisst anzukommen, zu stabilisieren und zu konsolidieren.

Der Patriarch, oft auch einfach „Chef“ genannt, herrscht und verfügt. Je nach Stil wohlwollend oder herablassend, stets jedoch direktiv anweisend. Seine Motive: Macht, Einfluss, durchaus im positiven Sinne, etwa für „die Familie“ gut zu sorgen.
Die Wunderwuzzi-Rolle wird ihm eher von anderen zugeschrieben: Sein Umfeld drängt ihn in diese Richtung, nach dem Motto: „Wenn schon Chef, dann richtig!“

Der Nachfolger übernimmt die Verantwortung für ein Unternehmen – etwa auf Grund des Ausscheidens eines Patriarchen. Oft nicht aus eigenem Antrieb! Entweder aus einem Verwandtschaftsverhältnis heraus oder weil er innerbetrieblich einfach „der logische Nachfolger“ ist.
Hier erfolgt die Zuschreibung in Richtung Wunderwuzzi in erster Linie über die Fußstapfen des Vorgängers.

Der Tüftler definiert sich als Top-Fachexperte. Daniel Düsentrieb mit dem Hang zum Detail hat aus seinem Steckenpferd ein Business gemacht. Aus Forscherdrang, aus der Freude am Suchen nach Lösungen.
Nun ist er plötzlich gefordert, sich auch mit so lästigen Dingen wie Kundenbetreuung, Mitarbeiterführung oder Finanzen beschäftigen zu müssen. Kritisch ist vor allem der Hang des Tüftlers, Genauigkeit und Liebe zum Detail auf alle Belange anzuwenden.

Der Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der sich für vieles interessiert und auch gleich verantwortlich fühlt und sich einfach um alles kümmern muss. Und aus dieser Umtriebigkeit heraus eine Baustelle nach der anderen beginnt.
Und dabei wie erwähnt alles selbst anpackt und nichts delegieren kann.

Der Ego-Star sieht sich selbst als Hauptdarsteller. Es geht meist um ihn, um seinen persönlichen Erfolg. „Wer, wenn nicht ich?“ Das scheint sein Credo zu sein. Mit Anerkennung ist er zu ködern, Beliebtheit und Bühnenpräsenz sind oft das Einzige, was zählt.
Durch sein Geltungsbedürfnis entgeht dem Ego-Star allzu häufig, wenn er sich zu viel zumutet. Wenn die Beliebtheitsfalle zuschnappt und der Realitätssinn unter die Räder kommt. Dann kann das böse Erwachen umso heftiger ausfallen.


Der reflektierte Geschäftsführer

Nun sollten einige Verlockungen und Risikofaktoren deutlich geworden sein. Dass dennoch eine Chance besteht, all diese Gefahrenpotenziale und Fallstricke gut zu meistern, zeigen etliche reflektierte Geschäftsführer vor. Sie benennen einige wesentliche Hebel, um der Wunderwuzzi-Falle zu entgehen:
  • Gesundes, langsames Wachstum: „Unser Leitsatz: die Leiter des Erfolgs nicht zu steil anstellen!“
  • Strukturen schaffen, MitarbeiterInnen gezielt aufbauen und sie auch mitwirken lassen, Verantwortung delegieren: „Ich kann mich auf meine Bord-Crew verlassen.“ „Es ist wichtig, den Leitern wirkliche Leitungsfunktionen zu überlassen.“
  • Kooperationen nutzen: „Nicht alle Kompetenzen müssen im eigenen Unternehmen vorhanden sein.“

So haben sie eine Weise gefunden, wie sie ihre Funktion verantwortungsvoll und ausgewogen ausüben können. Abschließend noch zwei Zitate von KMU-Geschäftsführern: „Ich verstehe mich als Kapitän, der mit starker Hand und Fingerspitzengefühl ein attraktives Schiff steuert.“ „Der Geschäftsführer ist für Überblick und Gesamtbild verantwortlich. Im Detail und in der Umsetzung sind die Mitarbeiter deutlich kompetenter: Da sind die wirklichen Experten die Mitarbeiter!“

Diesen artikel finden Sie übrigens auch im aktuellen inoVator.


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