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28.06.2010 | Willkommen auf der Jammertour!
Oje statt Olé - Willkommen auf der Jammertour!

An einem Samstag, circa 11 Uhr Vormittag. Ich komme bei einem Friseurgeschäft vorbei. Aus dem Laden treten heraus: eine Frau, offensichtlich Friseuse, geschätzte Mitte bis Ende vierzig, und ein etwas älterer Mann, vielleicht Ende sechzig, Anfang siebzig. Dann der Satz, der mich aufmerken lässt. Sie sagt zu ihm: „Ja, ja, immer das Problem mit den Parkplätzen, ich weiß ...“

Und ich beginne nachzudenken. Siehst du, sage ich mir, das üben wir ganz schön oft, das Jammern. Selbst in banalsten Situationen wie dieser. Und jammert mal ein anderer – wie hier offensichtlich der Kunde vorher etwas über die Parkplatzsituation gesagt haben dürfte – dann stimmen wir kräftig mit ein.

Zwei Schlüsselwörter stechen dabei ins Auge: „immer“ - alle Verallgemeinerungen sind ja immer und überall generell falsch ;) – und „Problem“. Probieren Sie das ruhig mal selbst: Sprechen Sie mal eine Minute lang nur von „Problemen“, verallgemeinern Sie dabei großzügig und verwenden Sie in erster Linie Wörter wie „Problem“, „schwierig“, „schwer“, „mühsam“, „bemühen“, „Last“ usw. Sie werden überrascht sein, wie rasch Sie Ihre Stimmung in den Keller kriegen.

Eine andere gern gesehene Variante ist das „Hättiwari-Spiel“, das Herumdoktern an der Vergangenheit. Willkommen im Reich des Konjunktivus Irrealis! Si tacuisses, innuptus mansisses. Man tut so, als ob man im Nachhinein noch Einfluss nehmen könnte.
Vor kurzem bei der Analyse eines WM-Spiels: Der TV-Moderator Bernhard Stöhr (geschätzte 190 cm groß) fragt den Ex-Fußball-Spieler Roman Mählich (nur knapp über 170 cm), was denn passiert wäre, hätte die eine Mannschaft jene Chance verwertet. Genial die Antwort des Herrn Mählich: „Ja, wäre ich so groß wie Sie, dann hätte ich sicher auch mal ein Kopftor erzielt!“

Kleiner Exkurs:
Wir ÖsterreicherInnen waren ja – mit der unumstrittenen Hochburg Wien – stets besonders bekannt für die Intensität und hohe Qualität unseres Jammerns. Ganze künstlerische Metiers wurden dadurch genährt: etwa das Kabarett, der österreichische Film bis in die 60er-Jahre (man erinnere sich da an den Meisterjammerer Hans Moser) oder das Wienerlied in all seinen grauen bis schwarzen Ausprägungen. Bis uns dann unsere deutschen Nachbarn in den letzten zehn Jahren offenbar auch in dieser Disziplin überholt haben (Danke, Wiedervereinigung!). So nehmen das zumindest etliche deutsche KollegInnen wahr. Also wieder kein Weltmeistertitel für Österreich - zum Jammern! Wenn wir das Schifahren nicht hätten ... ;)
(Exkurs Ende)

Natürlich kommt es vor, dass mir diese Phänomene des Jammerns, der Problemfokussierung und der Schwarzmalerei in meinem Beratungsalltag begegnen. Ich habe es mir längst abgewöhnt, mit schlauen sachlichen Argumenten dagegen anzukämpfen. Erfahrungsgemäß stärkt das noch die Opferhaltung der Jammernden.
Bewährt haben sich unter anderem drei tlw. durchaus provokative Interventionen:

Die Übung „Jammertour“
Die Übung „Jammertour“ ist etwa in Seminaren gut einsetzbar, wenn eine durchgängige Problemhaltung alles Konstruktive verunmöglicht. Die TeilnehmerInnen werden aufgefordert, alle Probleme aufzulisten, unter denen sie leiden. Optimalerweise mit der Ankündigung davor: „So, jetzt widmen wir uns mal 15 Minuten nur dem Jammern und Klagen.“
Danach wird jedes einzelne Thema bewertet: von 1 („Schön, dass ich dieses Problem habe – irgend welche muss man ja haben“) bis 10 („absolut Existenz gefährdend“). Dies rückt häufig einiges zurecht – etwa Relationen, Wichtigkeit, Stellenwert.

Die Verschlimmerungsfrage
Eine weithin bekannte Intervention. „Was könnten Sie unternehmen, damit Ihre Situation noch schlimmer wird?“ Ist ein wohltuender Kontrapunkt zur lähmenden Passivität der Jammerhaltung, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf. Und kann auch Spaß machen.

Der Persönliche Einflussbereich
Dieses äußerst einfache und hilfreiche Modell hat Stephen R. Covey in seinem Bestseller „Die sieben Wege zur Effektivität“ ausführlich beschrieben. Die Essenz: „Richte deine Energie auf das, was du selbst beeinflussen kannst.“ Jegliche intensive Beschäftigung mit unbeeinflussbaren Dingen (klassische Jammer- und Suderthemen wie Parkplatzsituation, Wetter, Vergangenheit, Eigenschaften anderer Menschen, Benzinpreis etc.) ist streng genommen vergeudete Energie.


Und zum Abschluss noch ein paar Gedanken zum ...

Jammern im Coaching
Wenn, dann lösungsorientiert! „Utilisieren“ lautet die Devise: die darin steckende Energie in eine zieldienliche Richtung zu nutzen.
Mit einem Augenzwinkern und einer Portion Leichtigkeit – wobei etwa die Co-Coaches Waldorf und Statler helfen. Die beiden Alten aus der Muppet-Show haben bei mir einen Ehrenplatz in meinem Coaching-Raum. Selbst bei besonders schweren, mühsamen, zähen Problemfällen ;) reicht ein Blick zu den beiden Alten ...


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