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25.01.2010 | Systemlandschaften aufbauen (Fts.)
Coaching mit Herz, Hand und Verstand (Teil 5) – Systemlandschaften aufbauen

Letztens habe ich hier über das Aufbauen komplexer Systemlandschaften geschrieben. Eine wesentliche Frage, die noch offen geblieben ist: Was bringt das Aufbauen einer Systemlandschaft den KlientInnen? Was haben sie davon, wenn wir all diesen Aufwand treiben?

Eines vorweg: Der Prozess des Aufbauens ist für die KlientInnen mindestens genauso wichtig wie das „fertige“ Ergebnis, die aufgebaute Systemlandschaft. Schon im Aufbauen kommt der Klient in Bewegung, experimentiert mit Standpunkten und Perspektiven und erlebt das ganze komplexe Feld auf völlig neuartige Weise. Dieses In-Bewegung-kommen, dieses Verändern von üblichen Blickwinkeln und Standorten, dieses Veranschaulichen und gegenständliche Darstellen der Systemlandschaft löst bei den meisten KlientInnen sehr hilfreiche innere Prozesse aus.
Innere Prozesse, die es den KlientInnen in weiterer Folge ermöglichen, zu neuen zieldienlichen Lösungsansätzen zu gelangen.

Eine Systemlandschaft ist übrigens nie „fertig aufgebaut“. Genau so wenig, wie Organisationen, Netzwerke, Beziehungen bzw. Beziehungsgeflechte fixiert sind. Ich fordere gerne meine KlientInnen auf, mit der aufgebauten Systemlandschaft zu experimentieren, Dinge zu verändern, einfach Verschiedenes auszuprobieren.
Es geht mir dabei weniger um die „Korrektheit“ der Darstellung. Vielmehr ziele ich auf „Lösungen höherer Ordnung“ ab, auf zieldienliche innere Prozesse:
  • Welche innere Haltung kann der/die Klient/in einnehmen?
  • Welche Gefühle erlebt er/sie dabei?
  • Welche Bilder tauchen auf, welche Gedanken, Kraftsätze, Ideen?
  • Welche Impulse zu handeln verspürt er/sie?

Um diese Prozesse anzustoßen, kann der Coach aus einer Vielzahl von möglichen Interventionen wählen.

Dazu ein Beispiel zur Veranschaulichung:
Herr X arbeitet in einem Dienstleistungsunternehmen als Leiter eines siebenköpfigen Teams. Die vielfältigen Anforderungen seines Jobs machen ihm ganz schön zu schaffen: anspruchsvolle Kunden ebenso wie fordernde Vorgesetzte zufrieden stellen, dabei die Unternehmenswerte und –ziele berücksichtigen genauso wie die vielfältigen Interessen seiner MitarbeiterInnen, sich mit benachbarten Abteilungen abstimmen, proaktiv Systeme, Prozesse und Produkte weiterentwickeln. Dazu noch einige Unstimmigkeiten im Team bewältigen. X fühlt sich als Getriebener und klagt, dass dabei seine persönlichen Bedürfnisse zu kurz kommen.
In der ersten Coaching-Session hat neben der Klärung von Auftrag, Ziel und Rahmen sowie einem ausführlichen Erstgespräch auch noch eine kurze Time-Line-Arbeit Platz. Wir arbeiten an einer konstruktiven, lösungsdienlichen inneren Haltung.

In der zweiten Coaching-Einheit bauen wir die ganze Systemlandschaft auf: X und sein Team als Figuren in der Mitte des Raumes, rundherum die Nachbar-Abteilungen, die Kunden, Lieferanten und Partner. Seilkreise grenzen die verschiedenen Reviere voneinander ab. Wir bauen die wesentlichen Vorgesetzten auf, dazu rücken wir Podeste unter deren Figuren.
Ich habe den Eindruck, die Systemlandschaft ist weitgehend komplett und frage – wie auch schon mehrmals während des Aufbauens – X: „Und, passt es so? ... Gut, dann können Sie jetzt mit Ihrer Systemlandschaft experimentieren ... Gehen Sie herum und tauchen Sie in verschiedene Perspektiven ein ... Sie können dazu auch auf das eine oder andere Podest steigen und sich das Ganze von da oben ansehen ... Oder Sie nehmen den Blickwinkel der Kunden ein und nehmen da wahr, welche Bedürfnisse sie haben ... Was taucht auf? ... Welche Bilder? ... Gedanken, Sätze, Ideen? ... Gefühle? ...“
Etwas später: „Nachdem Sie jetzt Ihre Systemlandschaft aufgebaut und mit ihr schon ein wenig experimentiert haben, formulieren Sie bitte Ihre Coaching-Frage neu!“ Oft verändern Erfahrungen während des Aufbauens und Experimentierens das Anliegen des Klienten.

Der letztgenannte Aspekt erscheint mir besonders wichtig. Der Coach hat ja die Aufgabe, die KlientInnen bei der Bearbeitung ihrer Anliegen konstruktiv zu unterstützen. So, dass sie in Richtung Lösungen in Bewegung kommen. Das Aufbauen von Systemlandschaften ist ein äußerst hilfreiches Vehikel dazu. Letzten Endes geht es für den Coach darum, die für die Anliegen der KlientInnen passenden Interventionen zu setzen. Spätestens an dieser Stelle kommen Erfahrungsschatz, Know-how, Gespür und Einfallsreichtum des Coaches ins Spiel.

Noch eine Anmerkung zum Aufbauen von Systemlandschaften: Durch die Intensität dieser Vorgehensweise werden erlebte Bilder, Gefühle, auch Sätze und v. a. innere Haltungen ganz stark geankert. Mit ein Grund für die Nachhaltigkeit der dargestellten Methodik.


Ausführlicher beschrieben ist die Methodik in unserem Buch „Coaching und Systemische Supervision mit Herz, Hand und Verstand. Handlungsorientiert arbeiten, Systeme aufbauen“.


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