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21.04.2007 | Die vielen Facetten des Perfektionismus
Die vielen Facetten des Perfektionismus (Teil 2)


Was haben der TV-Detektiv Adrian Monk, die Kollegin, die nichts delegieren will, und Mr. Spock (Sie erinnern sich an Raumschiff Enterprise?!) gemeinsam?
Auf den ersten Blick wohl wenig. Etwas genauer betrachtet, könnte es sich um verschiedene Formen perfektionistischen Verhaltens handeln …

Rufen wir uns zunächst einmal in Erinnerung, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit wir hier überhaupt von Perfektionismus sprechen:

  • unerreichbar hohe Ansprüche und Ziele (Perfektion!) und damit übermäßig hoher Aufwand an Zeit und Energie auch bei unwesentlichen Dingen
  • rigid, starr, keine Freiräume, kein Spielraum
  • getrieben von einer inneren Stimme, einem inneren Zwang

Wenn Sie sich nun einen Perfektionisten gedanklich vorstellen, wird in Ihnen vermutlich das Bild eines Pedanten, eines Genauigkeitsfanatikers entstehen. Ein Ordnungsfreak, der etwa selbst im hintersten Winkel seines Kellerabteils noch peinlichst genau Ordnung hält: Regale, 100%ig im Lot, darin Aktenordner völlig gleichen Aussehens mit fein säuberlich bedruckten Etiketten mit exakter Inhaltsangabe … Adrian Monk lässt grüßen.

Doch das ist nur eine mögliche Spielart des Perfektionismus.

Da gibt es z. B. noch die Endlos-Analysierer, Grübler und Planungsfanatiker. Die etwa bei Kaufentscheidungen Informationen noch und nöcher einholen, die es schaffen, Urlaube und andere Vorhaben bis ins letzte Detail zu planen, die – bevor sie eine Recherche abschließen können – noch unbedingt diese oder jene Zusatzinfo brauchen. Usw. usf.
Die also nichts dem Zufall überlassen wollen, danach trachten, sich gegen alle Risiken abzusichern. Die – und darin ähneln sie den Ordnungsfreaks – die Unsicherheiten im Umfeld unter Kontrolle bringen wollen. Wenn die Welt doch nicht so komplex und unberechenbar wäre!

Wie sagte doch einer der liebenswürdigsten Grübler, Woody Allen? „Ich werde von Zweifeln geplagt. Was ist, wenn alles eine Illusion ist und nichts wirklich existiert? In dem Fall habe ich meine Teppiche bestimmt zu teuer bezahlt.“


Nehmen wir einmal an, dass die dem Perfektionismus zugrunde liegende psychische Dynamik Angst ist. Angst vor Unsicherheit, die Angst davor, bloßgestellt zu werden, die Angst, dass auf peinliche Weise ans Licht kommt, wie unvollkommen man tatsächlich ist.
Nehmen wir weiter an, dass daher Perfektionisten nach größtmöglicher Kontrolle über alle Bedrohungspotenziale streben. Nach Kontrolle über die Dinge, nach Kontrolle über andere Menschen und letzten Endes auch nach Kontrolle über sich selbst.

Die weiter oben beschriebenen Typen des Ordnungsfanatikers sowie des Endlos-Analysierers und Nie-Entscheiders beabsichtigen offenbar, die bedrohlich unsicheren Dinge unter Kontrolle zu halten.


Wie nun mit der Bedrohung durch andere Menschen umgehen? Wie verhindern, dass andere Menschen uns bloßstellen?
Neben den plumpen Methoden der offenen Ausübung von Macht sind v. a. 2 subtilere Strategien zu nennen.

Da ist einmal die Strategie, alles selbst zu machen, nichts zu delegieren, praktisch überall selbst die Verantwortung zu übernehmen, das Heft in der Hand zu halten. Der Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der sich aus dem Grund so engagiert, weil auf die anderen ja kein Verlass sei. Weil man eben alles selbst machen müsse. Was denkt Herr oder Frau Unentbehrlich? „Bevor ich es der gebe, mach ich es lieber selber, weil dann ist es gemacht“ (Bernhard Ludwig). Wiederum blind für die Tatsache, dass die eigenen übertrieben hohen Ansprüche (auch bei nebensächlichen Dingen) es den anderen verunmöglichen, die Vorgaben zu erfüllen.

Noch häufiger zu finden ist das Bestreben, durch die Vermeidung von Fehlern die Mitmenschen unter Kontrolle zu halten. Was geht in Herrn bzw. Frau Tadellos vor? „Wenn ich nur alles richtig mache, wenn ich nur jeden noch so kleinen Fehler vermeide, wenn ich mir nichts zuschulden kommen lasse, dann können mir die anderen nichts anhaben. Dann kommt meine Unvollkommenheit nicht ans Tageslicht.“
Klarerweise spielt gerade bei diesem Typ des Fehlervermeiders das Umfeld eine sehr große Rolle. So z. B. die Fehlerkultur in einem Unternehmen: Wie wird mit Pannen, Fehlern, Irrtümern umgegangen? Werden diese öffentlich sanktioniert? Wird der Schuldige gesucht und dann an den Pranger gestellt? Oder werden Fehler auf ihre Ursachen und den möglichen Lerneffekt analysiert? Im Sinne von: Was können wir tun, damit … nicht mehr passiert? Was können wir daraus lernen?


Und zu guter Letzt ist sich der Perfektionist selbst eine Bedrohung.

Die Aufgabe lautet: Wie kann ich mich selbst so unter Kontrolle halten, dass ich nicht schwach werde, dass ich meine hohen Ansprüche an mich zu 100 % erfülle? Die Perfektionisten dieser Spielart zeichnet gnadenlose Selbstdisziplin aus. Egal, ob im Umgang mit dem eigenen Körper (Sport, Ernährung etc.), ob in der Kontrolle der eigenen Gedanken und Gefühle oder im eigenen Selbstmanagement, das Programm wird durchgezogen, ein kleines Abweichen vom Plan wäre das Eingeständnis des völligen Scheiterns!

Eine Unterart der gnadenlos Selbstdisziplinierten finden wir in Mr. Cool (hier absichtlich in der männlichen Form). Die Logik dahinter: Wenn es gelingt, die eigenen Emotionen zu kontrollieren, ist ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor im grünen Bereich. Prototyp dieser Spezies ist (neben anderen Helden der Kino-Leinwand) der Vulkanier Mr. Spock, der mit erhobener Augenbraue einmal bemerkte: „Emotionen sind menschliche Schwächen. Vulkanier kennen keine Emotionen.“


Noch 2 abschließende Bemerkungen dazu:

  • Wie alle Typologien stellt natürlich auch diese eine starke vereinfachte Konstruktion dar: den Typ A oder B in Reinkultur wird man kaum finden (am ehesten noch im Kino oder TV), Misch-Typen in allen Variationen dafür umso eher.
  • Und, besonders wichtig: Der Umkehrschluss gilt nicht! Nur weil jemand eines der angeführten Merkmale drauf hat, bedeutet das noch lange nicht, dass er/sie ein/e PerfektionistIn ist. Da verweise ich wieder an den Anfang dieses Artikels, wo die wesentlichen Kriterien beschrieben sind.


Und dann ist da noch die Frage nach einer eventuellen Gemeinsamkeit zwischen Mr. Monk, Frau Unentbehrlich und Mr. Spock: Nun, wie gesagt, es könnte sein, dass die gleiche innere Dynamik ihren besonderen Verhaltensweisen zugrunde liegt …


Geschätzte/r Leser/in, im nächsten Monat werde ich hier zur Abrundung des Themas einige mögliche Wege aus der Perfektionismus-Falle skizzieren.



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