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28.09.2009 | Time-Line-Arbeit im Coaching
Coaching mit Herz, Hand und Verstand (Teil 2) - Mit Time-Line-Arbeit zum Stimmungsumschwung


Coaching verhilft - wie letztens an dieser Stelle dargelegt - zu „Lösungen höherer Ordnung“. Dazu gehört fast immer ein Umschwingen der Stimmung in Richtung konstruktiv, energiegeladen, oft auch heiter-humorvoll-entspannt. In der Coaching-Praxis hat sich dafür eine Vorgehensweise bewährt, die in erstaunlich kurzer Zeit zu nachhaltigen Ergebnissen führt: das analoge Arbeiten mit Time-Lines und Zeitprogression.

Was sind nun die wesentlichen Zutaten für diese Art des Arbeitens? Was kennzeichnet die Haltung und die Herangehensweise des Coaches?
  • Die aktuelle Krise der KlientInnen (vom Klient meist „Problem“ genannt) ernst nehmen, jedoch nicht in ihr wühlen und verharren
  • Den KlientInnen ein Heraustreten aus der Krisensituation ermöglichen – und zwar körperlich, emotional, mental, räumlich und zeitlich
  • In Bewegung kommen, neue Perspektiven ermöglichen
  • Ressourcen aktivieren
  • Lösungsorientierung statt Ursachensuche
  • Durchgängig den KlientInnen Zugang zu einer konstruktiven inneren Lösungshaltung ermöglichen. Dies gelingt umso leichter, wenn der Coach selbst diese Haltung verkörpert. Er also bei aller Wertschätzung und Akzeptanz der Notlage der KlientInnen zuversichtlich und energiegeladen agiert und auch Leichtigkeit und vor allem Humor mit ins Spiel bringt.

Die Methodik der Time-Line-Arbeit beinhaltet all diese Aspekte und ist deshalb so wirkungsvoll. Entwickelt wurde sie durch Peter Nemetschek, Familientherapeut und Systemischer Supervisor in München, basierend vor allem auf den Arbeiten von Milton H. Erickson. Eine ausführliche Darstellung finden Sie in dem neu erschienenen Buch „Coaching und Systemische Supervision mit Herz, Hand und Verstand. Handlungsorientiert arbeiten, Systeme aufbauen“ (Klaus Theuretzbacher & Peter Nemetschek, 2009 bei Klett-Cotta).

Die Grundstruktur der Time-Line-Arbeit will ich entlang eines fiktiven Beispiels erklären: Herr X kommt mit den vielen Anforderungen in seinem Job nicht zurecht. Im Coaching will er Zuversicht schöpfen und die Dinge wieder in den Griff kriegen.
Ich bitte ihn, diese Anforderungen wie auch deren Auswirkungen auf ihn kurz darzustellen, und bremse ihn, wenn er dabei zu sehr in eine Problemhaltung verfällt. Von Anfang an frage ich ebenso nach Ressourcen – was ihm gut gelingt, welche Lichtblicke es gibt, was ihn stärkt.
In dieser ersten, für den weiteren Erfolg die Weichen stellenden Sequenz geht es mir darum,
  • dem Klienten zu verdeutlichen, dass ich seine Situation ernst nehme,
  • ausreichend Informationen zu Person und Umfeld zu erhalten – u. a. um die Tragweite der Situation und die Zieldienlichkeit nächster Interventionen abschätzen zu können,
  • dabei den Klienten nicht noch tiefer in seine Problemhaltung zu führen, sondern ihm bereits Zugänge zu vorher verdeckten Ressourcen zu ermöglichen
  • und – meist mittels Time-Line-Arbeit – ins Tun zu kommen und einen ersten Schritt in Richtung Stimmungsumschwung zu kommen.

Wir stehen auf, und ich lasse den Klienten die Farbe seiner professionellen Time-Line wählen – ein Seil für seine professionelle Entwicklung. Dann lege ich das Seil als Time-Line am Boden des Coaching-Raums aus – als möglicher Verlauf, ein Angebot für den Klienten, das er dann gleich verändern kann. Hin zum Fenster geht es Richtung Zukunft. Mehrere Kurven markieren die Aufs und Abs, die es in praktisch jeder Entwicklungslinie gibt. In der Mitte des Raums lege ich eine größere Kurve als Verdeutlichung der aktuellen Krisensituation. X korrigiert das Seil so, dass es für ihn gut passt.
Dann fordere ich ihn auf, mit Gegenständen drei Punkte zu markieren: „Jetzt“ – dafür wählt X eine kleinere Glaskugel und legt sie etwa auf den Tiefpunkt der Krisenkurve. Als nächstes platziert er eine etwas größere Glaskugel am Ende der Kurve für „Es ist überstanden, die Krise liegt hinter mir, ich habe es geschafft“. Und einen dritten Punkt in der fernen Punkt, dort, wo er „schon schmunzeln kann“. Diesen markiert er mit einer weiteren Kugel.
Der Clou besteht nun darin, in der fernen Zukunft zu beginnen. Dort, wo die Krise schon längst vergessen ist und anderes zählt. Ich lade X ein, sich an diesen “Schmunzelpunkt“ zu stellen, mit dem Blick Richtung Zukunft, die Augen zu schließen und sich überraschen zu lassen, was da auftaucht. Ein Gefühl, Bilder, vielleicht eine kleine Szene oder ein Film, der sich vor seinem inneren Auge abspielt. Dabei beobachte ich X. Sollte ich wahrnehmen, dass er kaum oder nur flach atmet, dass er sich anspannt oder ins Grübeln gerät, interveniere ich. Entweder mit Situationskomik oder indem ich eine ablenkende Geschichte erzähle oder einfach nur die Anleitung wiederhole. Alles ist erlaubt, wenn es nur dem Klienten hilft, zu einer neuen, gelösten Stimmung zu gelangen.
Nach einigen Minuten verändert sich der Ausdruck im Gesicht des Klienten. Er wirkt entspannt, angeregt, beinahe heiter. Auf meine Frage beschreibt mir X die Szene, die aufgetaucht ist, sowie seine Stimmung dabei: Er fühle sich energiereich, aktiviert und dabei ganz leicht. Ich bitte ihn, noch mal in diese Stimmung einzutauchen. Als er die Augen wieder öffnet, sage ich zu ihm: „Diese Stimmung, diese innere Haltung, die Sie nun so deutlich wahrnehmen, das ist der Stoff, aus dem Lösungen sind.“
Mit einer weiteren kurzen Intervention ermögliche ich ihm, diese Lösungshaltung ins Jetzt zu transferieren. Danach beschließen wir diese Coaching-Einheit. In den nächsten Coaching-Einheiten und – was noch viel wichtiger ist – auch im betrieblichen Alltag kann Herr X diesen hilfreichen Anker ganz einfach und wirkungsvoll abrufen.

Viele KlientInnen bestätigen die erstaunliche Wirksamkeit dieses einfachen Vorgehens. Der Punkt in der fernen Zukunft wird zum Ankerpunkt, zur Quelle für Energie, Kraft, Leichtigkeit, Entspannung, Spannkraft etc. Allesamt Qualitäten, die es den KlientInnen ermöglichen, ihre Herausforderungen mit einer neuen, hilfreichen inneren Haltung zu bewältigen.

Diese Grundstruktur der Time-Line-Arbeit kann je nach Fragestellung und KlientIn vielseitig variiert werden. Außerdem ist sie der Ausgangspunkt vieler weiterer Interventionen, von denen ich hier noch die eine oder andere vorstellen werde.
Wenn Sie mehr dazu lesen wollen, kann ich Ihnen nicht ganz uneigennützig - zwinker! - unser Buch ans Herz legen: „Coaching und Systemische Supervision mit Herz, Hand und Verstand“.



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