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20.07.2009 | Coming out (Teil 3)
Coming out (Teil 3)

Wenn ich aus der Beratersicht politische Betrachtungen anstelle, dann mache ich dies auch mit der Brille des Psychologen. Ich frage mich unter anderem, was das für Leute sind, aus denen die Rechtsaußen-Parteien ihre Mandatare und ihre WählerInnen rekrutieren.
Man könnte hier direkt an das Thema des letzten Monats, „Bildung“ (bzw. fehlende Bildung) anknüpfen. Ich will diesmal den Fokus lieber auf ein weiteres heikles und allgegenwärtiges Thema richten: die Frage des Selbstwerts.

„Politik, die auf die Sorgen der Leute eingeht“, so etwa beschreiben viele Rechtaußen ihr Verständnis von Politik. Dass sie mit „den Leuten“ nicht alle meinen, sondern nur diejenigen, die in ihr enges Weltbild von Gut und Böse hineinpassen, verschweigen sie dabei. „Politik mit den Ängsten der Menschen“, so die KritikerInnen, zu denen auch ich mich zähle.


Zweierlei Ängste

Bei den Ängsten ist es mir wichtig zu differenzieren. Zum einen „reale“, begründbare Ängste. Wie z. B. die Angst vor Jobverlust, davor, die monatlichen Fixausgaben nicht mehr bestreiten zu können, Angst vor Armut. Angst vor schädlichen, ungesunden Lebensbedingungen etc.
Und zum anderen diffuse Ängste, die sich bei genauerem Hinterfragen (hier sind wir wieder bei einer Frage der Bildung!) als unbegründet, weil schlichtweg von falschen Klischees ausgehend, auflösen können. Etwa, dass jeder Schwarzafrikaner im Viertel mit Drogen dealt und damit die eigenen Kinder in den Sumpf zieht, dann auch noch vergewaltigt etc. Dass die vielen Rumänen im Land uns nur bestehlen und uns unsere Jobs wegnehmen. Angst vor „Überfremdung“, wie die Herren vom rechten Rand das nennen. Und so weiter, und so fort.

Spätestens beim Umgang mit offenkundig „Anderen“ kommt der Selbstwert ins Spiel. Ist der Selbstwert gestärkt, fällt es leichter, anderen gegenüber gnädig zu sein. Auch wenn sie anderer Meinung, Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Anhänger des „falschen“ Fußballclubs sind. Wenn ich selbst stabil bin und keine Angst zu haben brauche, in einer bunt durchmischten Gesellschaft unterzugehen, kann ich mich vielleicht sogar von Andersdenkenden inspirieren lassen. Ich kann dann von der Vielfalt, der Buntheit und Mannigfaltigkeit profitieren. Kann von anderen Kulturen und ihren Sitten naschen. Und wenn es nur ein Dürüm, ein Falafel-Sandwich oder eine Curry-Wurst ist. Vorausgesetzt, ich fühle mich in meinem eigenen So-Sein nicht sofort bedroht und in Frage gestellt, wenn ich jemandem begegne, der anders ist.
Ebenso braucht Zivilcourage ein Minimum an Selbstsicherheit – siehe dazu der Artikel vom Kollegen Mayerhofer im News2Use-Newsletter im vorigen Monat.

Manche – viel zu viele! – Menschen haben es offenbar nötig, sich über die Erniedrigung und Demütigung anderer Menschen selbst zu erhöhen. Das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit über üble, Menschen verachtende Handlungen zu kompensieren.
Noch mal zitiere ich Bernhard Ludwig: „Wenn man ein kleines Selbstwertgefühl hat, braucht man ein Leben lang nichts zusammenbringen, sondern man schaut nur: ‚Wo ist wer blöder als ich?’ … Am besten gleich mit großen Gruppen, ‚Angry Generalization’, ganze Gruppen sind deppert, die, die, die sind alle deppert, mah sind die deppert …“

In meiner Beratungs-, Coaching- und Trainingstätigkeit sind für mich daher die folgenden Fragen ganz zentrale: Woher bezieht jemand seine Identität? Was stärkt, was stützt den Selbstwert? Was braucht er bzw. sie, um sich - ohne sich dabei etwas vorzumachen – in den Spiegel schauen zu können?
Idole? Das gepimpte Auto? Den Job an sich? Oder Erfolg im Job, Aufstieg, Anerkennung durch andere ...? Die Eltern- oder Partnerschaft? Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe? Oder ganz etwas anderes?
Manch junger Führerscheinbesitzer hat sich schon am nächsten Baum aufgeknüpft, nachdem er seinen aufgemotzten Boliden zu Schrott gefahren hat. Oder, nachdem ihm der „heilige“ Schein aufgrund Trunkenheit am Steuer, überhöhter Geschwindigkeit oder aus anderen Gründen genommen wurde.
Manch Vollblutmutter verfällt in eine handfeste Depression, wenn die über alles geliebten „Kinder“ als junge Erwachsene das traute Heim verlassen.
Andere schlittern in eine existenzielle Krise, wenn eine Partnerschaft zerbricht, sie ihren Job verlieren oder aus einer bestimmten Gruppe ausgeschlossen werden.

Wie weit machen Sie sich in Ihrem Selbstwert, in Ihrer Selbstliebe abhängig von solch labilen äußeren Faktoren? Wie weit definieren Sie sich nur über diese bzw. im schlimmsten Falle nur über einen einzigen dieser Faktoren?

Der bekannte Kriminalpsychologe Thomas Müller wurde in einem Radiointerview gefragt, wie denn Amokläufe und ähnlich grausame Verbrechen zu erklären seien. Er führt diese zu einem guten Teil auf fehlendes bzw. extrem niedriges Selbstwertgefühl zurück und gibt ein schönes Bild dazu. Der Selbstwert ist von drei wesentlichen Säulen getragen:
  • der Arbeit und vor allem der Anerkennung, die man durch seine Arbeit erhält
  • der Qualität der Beziehungen und
  • dem Ich.
Müller meint, man könne sich dies wie einen Tisch mit drei Beinen vorstellen. Bricht ein Bein ab, brauche ich bloß eine Wand, an der ich den Tisch anlehnen kann. Und schon ist das Ganze wieder einigermaßen stabil. Brechen zwei, braucht man bereits ein Eck, um den Tisch zu stabilisieren. Aber es klappt noch ... Brechen jedoch alle drei bzw. hat der Tisch von vornherein nur ein Bein, so darf man sich über einen Totalzusammenbruch mit all seinen verheerenden Folgen nicht wundern ...


Bildungsarbeit im weiteren Sinne und die Stärkung des Selbstwerts waren und sind zwei meiner wesentlichen Motive, weshalb ich diesen so spannenden und meist auch erfüllenden Beruf gewählt habe.
Das halte ich mir stets dann vor Augen, wenn ich dieses schale Gefühl der Ohnmacht empfinde. Das sich dann einstellt, wenn mir angesichts mancher politischen Geschehnisse der Kragen platzt ...



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