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19.06.2009 | Coming out (Teil 2)
Coming out (Teil 2)

Letztes Mal habe ich mich mit all den Ärgernissen beschäftigt, die einem im politischen Alltag in Österreich begegnen, und die Frage gestellt: Was kann ich tun? Wo kann ich gegensteuern? Als Berater, Coach, Trainer?
Neben der politischen Betätigung im engeren Sinne, die nicht so sehr das Meine ist, sehe ich zwei Hebel.

„Bildung“ ist der eine Hebel. Der alte aufklärerische Gedanke begleitet mich seit langem. Er war entscheidend dafür, dass ich die Erwachsenenbildung als Berufsfeld gewählt habe. Mit den Jahren der Erfahrung hat sich mein Begriff von „Bildung“ weiter entwickelt. Bildungsarbeit verstehe ich heute als die Herausforderung, Menschen bei folgenden ehrgeizigen Vorhaben zu unterstützen:
  • Die Erweiterung des geistigen Horizonts als Basis für ein reflektierteres Handeln.
  • Die Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen und aus eigenen Erfahrungen und denen anderer zu lernen.
  • Das Vermögen, sich selbst und damit die eigenen Wahrnehmungen, Überzeugungen und Einstellungen in Frage zu stellen.
  • Zusammenhänge, Interessen und Absichten zu erkennen.
  • Auf Zwischentöne und Schattierungen zu achten und simple Schwarz-Weiß-Ideologien als solche zu entlarven.
  • Vielfalt („Diversity“) als Bereicherung zu schätzen, das Besondere und das Allgemeine an Situationen zu unterscheiden.
  • Eine passende Mischung aus Autonomie und Kooperationsbereitschaft zu entwickeln.
  • Das Hirn „einzuschalten“ bzw. zu verwenden und dabei nicht auf das Gespür, also Herz und Bauch zu vergessen.

Wenn dies alles gelingt, ist viel erreicht.
Nebenbei werden Menschen nicht so leicht auf diese einfach gestrickten und doch so wirksamen Hetzreden von Rechtsaußen hereinfallen, wenn sie fähig sind, Dinge abzuwägen und in etwas größerem Zusammenhängen zu denken. Oder sie kommen zumindest im Nachhinein drauf, dass das nur die halbe Wahrheit oder vielleicht bloß ein Sechzehntel davon war.

Handle in deinem Einflussbereich. Richte deine Energie auf jene Dinge, die du (zumindest mit-)beeinflussen kannst. Das ist eine jener Botschaften, die ich seit Anbeginn meiner beruflichen Tätigkeit stets zu vermitteln trachte. Als Kontrapunkt zu den Klagenden, den Jammerern und Sudernden.
Dieser Ansatz wirkt auf den ersten Blick reaktionär oder gar unpolitisch – im Sinne von „Nimm hin, was du nicht ändern kannst. Finde dich ab damit …“ Für mich trifft das genaue Gegenteil zu: Es handelt sich um eine äußerst effektive politische Grundhaltung. Ich kann nur dort etwas bewirken, wo ich etwas bewirken kann! Klingt simpel, ist es auch. Kombiniert mit dem Bestreben, den eigenen Einflussbereich auszuweiten, kann daraus schon ein kräftiges Engagement entstehen.
Und effizient ist es noch dazu. Energie wird sinnvoll eingesetzt, Aufwand und Nutzen stehen in einer vernünftigen Relation zueinander.

Eine der Kehrseiten der Medaille der Bildungsarbeit: Schlauer bedeutet nicht automatisch glücklicher, oft ganz im Gegenteil. Naiven und Unbedarften fällt es deutlich leichter, zu Lebensglück zu gelangen. Wenn ich mit einfachen Erklärungsmodellen durchs Leben spaziere und nicht hinter die Kulissen blicke, bietet die Welt eine Vielzahl an Schönheiten, Lieblichkeiten und wunderbar anmutenden Erlebnissen. Hinterfrage ich jedoch, betrachte ich die Vielschichtigkeit etc., wird das in vielen Fällen dazu führen, dass sich die oberflächliche Schönheit relativiert.
Für mich mit ein Grund dafür, weshalb „Bildung“ als Wert eher wenig taugt. In Zeiten, in denen es in erster Linie um das private Glück und das persönliche Wohlbefinden geht, ist mit dem Bildungsthema kein Staat zu machen, keine politische Wahl zu gewinnen.

Über den zweiten Hebel, den der Stärkung des Selbstwerts, schreibe ich beim nächsten Mal.


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