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27.04.2009 | Beratung kann auch schaurig sein
Beratung kann auch schaurig sein …

Vor kurzem hatte ich wieder mal das zweifelhafte Vergnügen, als Exorzist tätig zu sein. Der Spuk, den es auszutreiben galt, scheint weiter verbreitet zu sein als man glaubt ...

Es fing alles ganz harmlos an. Ein Workshop zur Teamentwicklung – so lautete der Auftrag. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von neun Personen, acht Kollegen und eine Kollegin, alle aus dem gleichen Produktionsunternehmen, jedoch aus mehreren verschiedenen Abteilungen stammend. Es war nicht der erste Workshop dieser Art, sondern bereits der dritte. Diesmal durfte ich als Berater ran …

Der Start des Workshops verläuft nach Plan. Nach erster Orientierung und Startrunde blicken wir zurück und sammeln Erfolgserlebnisse und Sternstunden des abgelaufenen Jahres. Gelungenes wieder in Erinnerung zu rufen, tut allen gut. Die Stimmung scheint heiter, entspannt und gelöst. Zwischen den Zeilen werden allerdings erste Dissonanzen erkennbar. Die haben weniger mit der aktuellen Wirtschaftskrise zu tun, die auch dieses Unternehmen stark getroffen hat. Das hätte mich nicht so verwundert, damit hätte ich gerechnet … Nein, es sind die Bemerkungen eines Mitarbeiters, die mich stutzig machen. Eines besonderen Mitarbeiters wohlgemerkt – er gilt in der Gruppe als Außenseiter, als Einzelgänger und als „bunter Hund“. Seine Andeutungen kommen schon in der Startrunde, als ich die Anliegen aller erfrage. Dann beim Sammeln der Erfolgserlebnisse. Und letztlich am deutlichsten, als wir die aktuelle Krise thematisieren.
Er sagt sinngemäß: „Team, Team, Team … ich höre immer nur Team! Wir sind schon das dritte Mal in einem Workshop, damit wir zusammenwachsen, damit wir zueinander finden und uns gemeinsam weiterentwickeln. Ich kann das schon nicht mehr hören … Wenn ich ein Problem lösen will, dann mache ich das. Entweder alleine oder mit ein, zwei kompetenten Kollegen. Aber wozu brauche ich da ein ganzes Team dafür?“
Ich ahne schon, dass ich es diesmal wohl mit einem alten Bekannten aus dem Gruselkabinett der Beratung zu tun habe, dem „Teamgeist“. Ein Gespenst, das nicht sofort als solches zu erkennen ist. Es hüllt sich in ein harmonisierendes Mäntlein und macht auf aufdringlich und nett. Bei genauerem Hinschauen entpuppt es sich als Wolf im Schafspelz, nur noch viel durchtriebener, viel gewitzter. Seine Lieblingswörter sind „wir“, „uns“, „unser“, „gemeinsam“, „zusammen“ und natürlich „Team“. Liebliche Schale und oft äußerst schwer verdaulicher Kern. Der „Teamgeist“ ist ein Meister darin, Teammitglieder in die Irre zu führen. Viele fühlen sich genötigt, ihm dorthin zu folgen, wo die Sache in den Hintergrund rückt, wo Konflikte als böse gelten und nur noch Beziehungen und Stimmungen zählen. Subtiler Hard-Core sozusagen.

Als bewährtes Gegenmittel packe ich die Theorie-Keule aus. Ich philosophiere über Teams und Organisationen im Allgemeinen und komme auch auf das grundlegende Missverständnis im Teambegriff zu sprechen. Aus dem zustimmenden Nicken der Workshop-TeilnehmerInnen schließe ich, dass ich mit meiner Ahnung richtig liege ...

Organisationen und damit auch ihre Untereinheiten – Bereiche, Abteilungen, Teams – sind zweckorientierte Gebilde. Sie definieren sich über ihre Funktionalität, beziehen ihre Existenzberechtigung aus ihrem Nutzen für die internen und externen Kunden. Das wird oft ausgeblendet – insbesondere wenn der „Teamgeist“ sein Unwesen treibt. Es bestehen völlig überhöhte Ansprüche an ein Team. Oft sind Erwartungen und Ansprüche zu hören, dass ein Team gleichsam per definitionem für Geborgenheit, Heimat, Verständnis, Zuwendung, Wärme und andere hohe emotionale Werte zu sorgen hat. Es werden – meist unbewusst – Bilder und Assoziationen aus dem familiären Kontext in die Organisationswelt projiziert. „Wir sind eine große Familie“, sagte der Vorstandsvorsitzende dieses Unternehmens vor ein, zwei Jahren. Nun, das stimmt schlichtweg nicht. Auch das Bild taugt nur kurz als Motivations- und Identifikationstrick, als Versuch, die MitarbeiterInnen enger ans Unternehmen zu binden. In kritischen Zeiten sieht sich das Management genötigt, über Kündigungen zumindest mal laut nachzudenken. Klaro, dagegen ist auch nichts einzuwenden. Es passt nur nicht zu dem transportierten Verständnis von Familie.
Die Hauptaufgabe eines Teams besteht also einzig und allein darin, seine Leistung zu erbringen, seinen Zweck zu erfüllen. Was auch immer das ist. Natürlich stellen so genannte „weiche Faktoren“ wie Wohlbefinden der MitarbeiterInnen, die Qualität der Beziehungen und andere emotionale und kulturelle Aspekte dafür ganz wesentliche Erfolgsfaktoren dar. Sie sind jedoch nicht der Daseinsgrund des Teams, nur – so hart das auch klingen mag – Mittel zum Zweck. Das Arbeiten an der Gruppendynamik, an der Kommunikationskultur und an internen Konflikten mag eine wesentliche, hilfreiche Intervention darstellen. Es darf sich allerdings nicht zum Selbstzweck verselbständigen.
Die banalen Fragen für jedes Team lauten daher: Was sind unsere Aufgaben? Was wollen wir erreichen? Und wie können wir das am besten erreichen? Mit welcher Art von Zusammenarbeit, mit welcher Kultur, mit welcher Kommunikation etc.?
Für manche Aufgaben wird es nötig sein, alle einzubinden, alle mitwirken zu lassen, das Know-how und das Potenzial aller zu nutzen. „Teamarbeit“ bedeutet in diesem Fall das Bündeln und Fokussieren vieler Ressourcen auf ein gemeinsames Ziel. Bei anderen Aufgaben wird es jedoch zieldienlicher sein, wenn eine Person dies alleine vollbringt und dann die Gruppe informiert.
Mit anderen Worten: Wie viel Team brauchen wir, um unser Ziel bestmöglich zu erreichen?
Diese letzte Frage treibt den „Teamgeist“ – Sie wissen schon, den im Schafspelz … – zur Verzweiflung. Sie stutzt ihn auf seine ihm zustehende Bedeutung zurück!

Der Spuk ist damit entlarvt. Die Mitglieder der Gruppe erkennen, dass sie teilweise völlig überhöhte Ansprüche an „das Team“ hatten. Die Erleichterung ist groß – vor allem bei jenem Kollegen, der durch seine kritischen Statements alles ins Rollen gebracht hat.
Im weiteren Verlauf des Workshops wird das Wort „Team“ tunlichst vermieden. Man spricht nur noch davon, eine „Arbeitsgruppe“ zu sein. Das Pendel schlägt in die andere Richtung aus, in dem Fall ein heilsames Gegengift! Damit scheint die Austreibung des Dämons endgültig gelungen zu sein. Am Ende des zweiten Tages wird die Bezeichnung „Team“ wieder salonfähig, wenn auch stets ein wissendes Augenzwinkern mitschwingt …


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