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21.03.2007 | „Sei perfekt!“ – Fluch oder Segen?
„Sei perfekt!“ Viele kennen diese innere Stimme, diesen beharrlichen Einflüsterer, der sich immer wieder meldet mit Kommentaren wie: „Das ist noch nicht gut genug. Das geht noch besser!“, „Mach jetzt ja keinen Fehler!“ oder „Du willst genießen? Zurücklehnen kannst du dich erst dann, wenn alles perfekt erledigt ist …“ usw.

Gut oder schlecht? Nützlich oder schädlich? Hilfreich oder störend? Fluch oder Segen?

Vielleicht werden Sie sagen: „Dass Menschen nach Perfektion streben, ist wichtig. Wie sonst wäre Fortschritt möglich? Etwa in der Wissenschaft, der Technik, der Medizin oder auch in den Künsten?“

Stimmt schon, das Bestreben, tolle Leistungen zu erbringen, vielleicht sogar Höchstleistungen in wesentlichen Aufgabenfeldern, ist wichtig, nützlich und bringt uns alle weiter. Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst u.v.a.m. profitieren in ihrer Entwicklung stark von dieser Kraft.

Und natürlich wird hohe Leistung auch gefordert:
Als Kunde verlange ich volle Aufmerksamkeit und vollen Einsatz im Kundenservice. Ich bezahle „gerne“ dafür, wenn mir entsprechend was geboten wird.
Als Patient will ich von einem Arzt oder einer Ärztin beraten bzw. behandelt werden, der/die sich voll der Aufgabe widmet und den Anspruch hat, einen wirklich guten Job zu machen.
Als Besucher eines Theaterstücks setze ich voraus, dass die Leute auf und hinter der Bühne etwas Besonderes leisten und mir damit einen unterhaltsamen und vielleicht sogar unvergesslichen Abend bereiten.

Das alles hat jedoch nichts mit Perfektionismus zu tun!
Hier gilt es klar abzugrenzen, klar zu definieren.

Der Perfektionist im engeren Sinne fühlt sich getrieben, auch bei nebensächlichen, weniger wichtigen Dingen Höchstleistungen zu erbringen. Verkrampft dabei, verliert jegliche Gelassenheit und Lockerheit, investiert viel Zeit und Energie auch in kleine, unwichtige Details.
Und sieht dabei nur das, was noch nicht erreicht ist, was noch erledigt werden muss.
Mit Perfektionismus ist auch die Unfähigkeit zu feiern und zu genießen verknüpft – weil eben nie alles 100%ig passt, nie alle Arbeit getan ist und sich immer irgendwo ein winziges Härchen in der Suppe finden lässt.

Wenn es sich also quasi um ein durchgängiges Persönlichkeitsmerkmal handelt. Wenn man sich nicht „frei“ für ein ehrgeiziges, strebsames Vorgehen entscheidet, sondern von einer inneren Stimme, einem inneren Zwang (nicht von einem äußeren!) getrieben fühlt.
Und dadurch diese übermäßig hohen Ansprüche an sich und seine Leistung stellt. Diese allzu selbstkritische Sichtweise dann auch auf Situationen des Alltags überträgt, wo ganz etwas anderes angesagt wäre, nämlich Leichtigkeit, Humor, Kontakt und Gelassenheit.

Dann hat das Streben nach Perfektion bedenkliche Auswirkungen:

  • übermäßig hoher Aufwand von Zeit und Energie bei gar nicht so wesentlichen Dingen
  • Ruhe- und Rastlosigkeit – es ist ja nie genug! – mit all ihren Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele
  • übertrieben hohe Selbstkritik bis hin zu zermürbenden Selbstzweifeln
  • belastete Beziehungen bis zur letzten Konsequenz der Vereinsamung – durch das Übertragen der hohen Maßstäbe und Ansprüche auf andere
  • eine sich durch alle Lebensbereiche ziehende Ernsthaftigkeit und Schwere, die mit sich bringt, dass man das Leben (für den Perfektionist eine Aneinanderreihung von gerade geschafften bzw. noch nicht bestandenen Prüfungen) nicht feiern und nicht genießen kann


Und was steht dem gegenüber? Woraus nährt sich der Perfektionismus?
Zum einen aus dem inneren Zwang, dem Nicht-anders-können. Und zum anderen gibt es da auch einen einfachen, aber wirksamen Mechanismus der Belohnung: die Pinselei unseres Selbstwertgefühls, die Anerkennung aus unserem Umfeld.
Es ist wie bei einem schlechten Kredit mit extrem überhöhten Zinsen: kurzfristig hui, mittel- bis längerfristig pfui (siehe die Aufzählung oben).

Werte/r Leser/in, lassen Sie sich im nächsten Monat überraschen, in welch verschiedenen Gewändern der Perfektionismus auftritt, in welch verschiedenen Spielarten er uns begegnet!



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