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25.10.2008 | Analoge Methoden im Coaching (2)
Analoge Methoden im Coaching (Teil 2)

Ein junger Mann, 32, Universitätsassistent, nennen wir ihn Herrn B., kommt zu mir ins Coaching. Denn er will für sich herausfinden, welchen Karriereweg er einschlagen möchte, in welches Forschungsfeld er sich mittel- bis längerfristig entwickeln möchte. In einer universitären Fachdisziplin, in der ich ehrlich gesagt als inhaltlicher Sparringpartner kaum dienen kann. Macht nichts, denn mittels der eingesetzten analogen Methoden gelangt B. in einigen wenigen Sessions zu erstaunlichen Ergebnissen …

Vereinbart waren fünf Termine zu je einer Stunde. In den ersten drei hatten wir den Auftrag geklärt, Umfeld und Ressourcen erarbeitet, einige kleinere Fragen aus dem Themenfeld „Selbstorganisation – Selbstmanagement“ bewegt und vor allem an einer konstruktiven inneren Lösungshaltung gearbeitet.
Da waren schon etliche Bilder und Geschichten zum Einsatz gekommen – Analogien und Metaphern, die B. zu neuen Einsichten und einiges in Bewegung gebracht hatten. In der zweiten Session auch mittels Time-Lines – diese Methode, Entwicklungsprozesse im Raum anschaulich zu machen, war B. also ebenfalls bereits vertraut.

Betrachten wir hier die vierte, also vorletzte Coaching-Session etwas ausführlicher: Es geht diesmal um seine professionelle Entwicklungsperspektive. B. beginnt anfangs zu erklären, was bei den in Frage kommenden Forschungsfeldern interessant ist, welche Vor- und welche Nachteile sie aufweisen etc. Ich stoppe ihn recht rasch, denn es soll ja darum gehen, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und nicht, die bereits bekannten Gedankengänge zu wiederholen. Da ich ohnehin nur Bahnhof verstehe, fällt es mir besonders leicht einzugreifen!

Wir stehen auf, machen uns Platz im Raum. Mit einem längeren Seil – B. hat die Farbe Rot dafür gewählt – legen wir eine professionelle Time-Line, er markiert „Jetzt“ auf dieser Zeitachse.

Dann legt er für sein aktuelles Forschungsfeld ein kürzeres rotes Seil nach vorne offen, jedoch enger werdend. Er meint: „Das bietet nicht allzu viele Chancen, das wird wohl in ein paar Jahren ziemlich ausgereizt sein.“
Vorher habe ich schon erfragt, dass insgesamt drei Forschungsfelder in Frage kommen, zusätzlich zu dem aktuellen also noch zwei weitere. Auch diese werden als Richtung Zukunft offene Seilkreise (grün und blau) gelegt, jedoch etwas weiter in der Zukunft platziert, weil ja noch nicht begonnen.

Ich frage nach B.’s Bewertungskriterien. Wie entscheidet er, welche Alternative die bessere ist? Zwei Faktoren sind ihm wesentlich: zum einen seine Karrierechancen und zum anderen sei es auch eine emotionale Entscheidung: Wie viel Freude bereitet ihm ein bestimmtes Forschungsgebiet? Das ist gleichzeitig das K.O.-Kriterium für sein momentanes Feld, er wendet sich entschlossen davon ab.

Wir gehen in die ferne Zukunft, dorthin auf seiner professionellen Time-Line, wo B. rückblickend schon etwas schmunzeln kann. B. sieht sich als ein mächtiger Löwe, der über sein Revier wacht, nicht mehr um Raum und Anerkennung kämpfen muss. Er taucht sehr schnell in dieses Bild ein, es entsteht ein neues Gefühl von Leichtigkeit und Ruhe und – ja, auch Erhabensein.
Auf meine Frage, was – rückblickend – wohl den Ausschlag für seine damalige Wahl gegeben hat, antwortet B. sehr schnell und überzeugt: „Ich wollte möglichst rasch zur Spitze aufsteigen.“

Wir bringen Podeste in verschiedenen Höhen ins Spiel. Podeste, die jeweils für den nächsten Karriereschritt stehen. Ausgehend vom Jetzt (niedrigstes Podest) auf den beiden möglichen Wegen über je zwei Zwischenstationen zum zweithöchsten. Das höchste Podest wird nicht verwendet – „weil das hieße ja, in Cambridge oder einer ähnlich hochrangigen Universität zu lehren und zu forschen“.

Nachdem wir diese aufgebaut haben, wird noch ein wenig hin und her gerückt. Dann lade ich ihn ein, mit den zwei Wegen ("grün" und "blau") zu experimentieren, sie immer wieder abzuschreiten, das Tempo zu variieren und dabei zu erleben: Wie fühlen sich die an? Was taucht auf?

B. entscheidet sich relativ rasch für den blauen Weg, obwohl er der langsamere ist, d. h. mehr Zeit für den nächsten Karriereschritt erfordert. Jedoch ist sein Gefühl dabei eindeutig besser.

Zum Abschluss sage ich ihm noch, er solle noch keine Entscheidung treffen, sich damit noch Zeit lassen bzw. all das noch einmal gut im Herzen überprüfen.

Bei der nächsten, also letzten Session bestätigt B., dass die Entscheidung nun deutlich ist und er sich seiner Zukunftspläne damit völlig sicher. Die Bilder und v. a. das Gefühl dabei hätten dafür den Ausschlag gegeben.


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